Dr. Wolfgang Böker, Präsident des DKOU 2026 des BVOU, spricht über seine Motivation, die Kongresspräsidentschaft zu übernehmen, und seine Vision, tiefgreifende Veränderungen in der Orthopädie und Unfallchirurgie aktiv mitzugestalten. Im Interview erläutert er, wie Digitalisierung, innovative Versorgungskonzepte und eine bessere Verzahnung zwischen stationärer und ambulanter Medizin die Patientenversorgung revolutionieren können.
Herr Dr. Böker, Was war Ihre wichtigste Motivation, die Rolle der Kongresspräsidentschaft zu übernehmen, und welche Ziele möchten Sie während Ihrer Amtszeit erreichen?
Dr. Wolfgang Böker: Die Motivation, die Kongresspräsidentschaft zu übernehmen, war für mich vor allem die Möglichkeit, aktiv Impulse für unser Fach zu setzen. Orthopädie und Unfallchirurgie stehen vor tiefgreifenden Veränderungen – medizinisch, strukturell und gesundheitspolitisch. Der DKOU bietet die Chance, diese Entwicklungen nicht nur zu begleiten, sondern mitzugestalten. Mir ist besonders wichtig, die gesamte Breite unseres Fachs abzubilden, einschließlich der oft vernachlässigten konservativen Inhalte. Ganz gezielt möchte ich den Dialog zwischen Klinik, Praxis, Wissenschaft und Nachwuchs zu fördern.
Das Motto des diesjährigen DKOU lautet “Neue Wege gehen”. Welche konkreten neuen Ansätze in der Patientenversorgung möchten Sie mit dem Kongress vorantreiben, und welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?
Dr. Wolfgang Böker: „Neue Wege gehen“ bedeutet für mich nicht, Bewährtes zu verlassen, sondern neue Strukturen und Denkansätze sinnvoll zu integrieren. Wir müssen Versorgung sektorübergreifend denken und stärker patientenzentriert organisieren. Digitalisierung kann dabei helfen – etwa durch bessere Vernetzung, KI-gestützte Diagnostik oder moderne Kommunikationsstrukturen. Gerade hier gibt es in Deutschland jedoch noch erheblichen Nachholbedarf. Man denke nur an die Einführung der elektronischen Patientenakte, die letztlich mehr als 20 Jahre in Anspruch genommen hat und bis heute im Alltag vielerorts problematisch ist. Darüber hinaus existieren zwischen stationärem und ambulantem Bereich nach wie vor kaum funktionierende digitale Schnittstellen; der Austausch erfolgt häufig noch über klassische Papierdokumente.
Auch bei der für Orthopäden und Unfallchirurgen essenziellen Befundung von Röntgen-, CT- und MRT-Aufnahmen ist die Digitalisierung deutlich langsamer vorangeschritten, als noch vor einigen Jahren erwartet wurde. Hier müssen wir weiter forschen und Innovationen konsequenter in die Versorgung bringen. Gleichzeitig darf Digitalisierung kein Selbstzweck sein – sie muss den ärztlichen Alltag spürbar erleichtern und die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten verbessern.
Sie betonen die Bedeutung einer besseren Verzahnung zwischen stationärer und ambulanter Versorgung. Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell in diesem Bereich, und wie können diese überwunden werden?
Dr. Wolfgang Böker: Die Trennung zwischen stationärer und ambulanter Versorgung ist in Deutschland vielerorts noch zu starr und führt zu erheblichen Reibungsverlusten – letztlich zulasten der Patientenversorgung. Ich selbst bin als niedergelassener Orthopäde, belegärztlich tätig und zugleich in einem Endoprothesenzentrum angestellt. Dadurch bin ich in allen drei Bereichen der Versorgung verankert und erlebe die daraus entstehenden Probleme täglich hautnah – aber eben auch die möglichen Lösungen.
Wir müssen die Sektorengrenzen überwinden, schon allein deshalb, weil die Ambulantisierung in den kommenden Jahren weiter deutlich zunehmen wird. Viele Krankenhäuser verfügen bislang nicht über geeignete Strukturen, um die daraus resultierende große Zahl ambulanter Patienten adäquat zu versorgen. Hier ist der niedergelassene Bereich gefordert. Die entsprechenden Strukturen müssen konsequent ausgebaut werden. Die fachliche Expertise ist vorhanden: Viele niedergelassene Kolleginnen und Kollegen waren zuvor Oberärzte in Kliniken und können eine medizinisch hochwertige Versorgung gewährleisten.
Die Herausforderungen liegen auch hier vor allem in der Finanzierung. Neue Modelle wie die Hybrid-DRG können helfen – vorausgesetzt, sie werden realistisch und praxisnah kalkuliert.
Gerade in unserem Fach sehen wir, dass Patienten an den Schnittstellen häufig unnötig Zeit und Qualität verlieren. Entscheidend ist deshalb, den Patienten über den gesamten Versorgungsweg hinweg zu begleiten. Der Vorwurf – insbesondere von hausärztlicher Seite –man würde Patienten nach operativen Eingriffen „blutig über den Zaun werfen“, zeigt sehr deutlich, wo die Probleme liegen. Deshalb müssen sowohl die Vorbereitung im Sinne der Prähabilitation als auch die strukturierte Nachsorge deutlich besser koordiniert werden. Dafür braucht es komplexe, aber funktionierende Versorgungskonzepte. Auch hier müssen wir letztlich „neue Wege gehen“.
Wichtig ist dabei, sektorenübergreifende Strukturen zu schaffen, ohne zusätzliche Bürokratie aufzubauen. Dafür benötigen wir gemeinsame Versorgungskonzepte, eine faire Finanzierung und vor allem mehr Vertrauen zwischen allen Beteiligten.
Die orthopädische Rheumatologie liegt Ihnen besonders am Herzen, und Sie sprechen von einem Mangelfach mit extremer Unterversorgung. Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht notwendig, um diese Lücke sowohl in der Patientenversorgung als auch in der Aus- und Weiterbildung zu schließen?
Dr. Wolfgang Böker: Die orthopädische Rheumatologie ist tatsächlich ein Bereich mit erheblicher Unterversorgung. Wir erleben einen zunehmenden Bedarf bei gleichzeitig sinkender Zahl spezialisierter Kolleginnen und Kollegen – sowohl im orthopädischen als auch im internistischen Bereich. Deshalb müssen wir das Fach wieder sichtbarer und attraktiver machen, sowohl in der Weiterbildung als auch im universitären Umfeld.
Viele Kolleginnen und Kollegen wissen heute kaum noch, dass die Rheumatologie ursprünglich ein wesentlicher Bestandteil der klassischen Orthopädie war. Die starke Fokussierung unseres Fachs auf die Unfallchirurgie hat sicherlich dazu beigetragen, dass ein so wichtiges konservatives Gebiet zunehmend aus dem Blickfeld geraten ist. Dabei ist die Rheumatologie ein außerordentlich interessantes und vielseitiges Fach. Gerade im niedergelassenen Bereich trifft man hier auf einen enormen Bedarf, weil die Versorgung rheumatologischer Patienten in vielen Regionen Deutschlands inzwischen nicht mehr ausreichend gewährleistet ist.
Wichtig sind gezielte Förderprogramme, strukturierte Weiterbildungsangebote und eine stärkere Verankerung des Fachs in der praktischen Versorgung. Die Weiterbildungsordnung wurde bereits sinnvoll reformiert, sodass der Erwerb der Zusatzbezeichnung Orthopädische Rheumatologie heute deutlich einfacher ist als noch vor einigen Jahren. Auch die Inhalte sind praxisnäher und realistischer gestaltet worden. Dennoch fehlt es weiterhin an geeigneten Ausbildungsstätten – sowohl im klinischen als auch im ambulanten Bereich.
Auch hier müssen wir sektorübergreifende Strukturen schaffen, um Weiterbildung und Versorgung sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Letztlich geht es darum, chronisch kranke Menschen frühzeitig, interdisziplinär und kontinuierlich zu betreuen.
Der DKOU ist der größte Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie in Europa mit Teilnehmern aus über 50 Ländern. Welche internationalen Trends oder Innovationen erwarten Sie, die in diesem Jahr besonders im Fokus stehen werden?
Dr. Wolfgang Böker: International sehen wir derzeit eine Vielzahl spannender Entwicklungen, die unser Fach in den kommenden Jahren nachhaltig verändern werden. Besonders dynamisch sind die Fortschritte in den Bereichen Digitalisierung, Robotik, individualisierte Endoprothetik und regenerative Therapieverfahren. Hinzu kommen KI-basierte Anwendungen, die sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapieplanung zunehmend relevant werden. Gerade in der Bildgebung, der Analyse komplexer Datensätze oder der Unterstützung operativer Prozesse eröffnen sich hier völlig neue Möglichkeiten. Gleichzeitig müssen wir aber auch kritisch hinterfragen, wie diese Technologien sinnvoll in den klinischen Alltag integriert werden können und welchen tatsächlichen Nutzen sie für unsere Patientinnen und Patienten bringen.
Parallel dazu beobachten wir international einen deutlichen Wandel der Versorgungsstrukturen. Viele Länder setzen bereits seit Jahren konsequenter auf ambulante oder hybrid organisierte Versorgungskonzepte, während Deutschland hier noch vergleichsweise stark in traditionellen sektoralen Strukturen verhaftet ist. Gerade deshalb lohnt sich der Blick ins Ausland. Andere Gesundheitssysteme haben zum Teil sehr pragmatische Lösungen entwickelt – sowohl hinsichtlich der Patientensteuerung als auch bei Fragen der Finanzierung, Digitalisierung oder Weiterbildung.
Gemeinsam mit unseren Partnerländern, den Niederlanden und Polen, werden wir deshalb auf dem DKOU eine gemeinsame Sitzung gestalten, die sich insbesondere mit den Themen Versorgung und Weiterbildung in unterschiedlichen europäischen Gesundheitssystemen beschäftigt. Dabei geht es nicht nur um einen wissenschaftlichen Austausch, sondern auch um die Frage, wie unterschiedliche Länder auf aktuelle Herausforderungen reagieren: Fachkräftemangel, Ambulantisierung, ökonomischer Druck oder die zunehmende Spezialisierung innerhalb unseres Fachs betreffen letztlich alle europäischen Gesundheitssysteme.
Der DKOU lebt seit jeher vom internationalen Austausch. Ich halte es für ausgesprochen wichtig, über die Grenzen des eigenen Systems hinauszublicken und unterschiedliche Herangehensweisen kennenzulernen. Gerade aus dem Vergleich verschiedener Strukturen können oft wertvolle Impulse entstehen. Nicht jedes Modell lässt sich eins zu eins übertragen, aber viele Ideen können helfen, die eigene Versorgung weiterzuentwickeln. Dieser offene Austausch ist aus meiner Sicht ein wesentlicher Bestandteil von Innovation und Fortschritt in Orthopädie und Unfallchirurgie.
Die Orthoklinik Lüneburg, an der Sie als Belegarzt tätig sind, hat vor einigen Jahren einen Trägerwechsel erlebt. Inwiefern hat sich dies auf Ihre Arbeit und die Ausrichtung der Klinik ausgewirkt, und welche Impulse möchten Sie in Ihrer Rolle als ärztlicher Leiter setzen?
Dr. Wolfgang Böker: Der Trägerwechsel an der Orthoklinik Lüneburg hat natürlich Veränderungen mit sich gebracht, gleichzeitig aber auch neue Möglichkeiten eröffnet. Wir sind heute als Spezialklinik in eine größere Versorgungsstruktur eingebettet, was in vielen Bereichen Vorteile bietet – etwa bei der interdisziplinären Zusammenarbeit oder bei organisatorischen Abläufen.
Gleichzeitig habe ich aber auch erfahren, dass der bürokratische Aufwand in größeren Krankenhausstrukturen deutlich höher ist, als ich es zuvor gewohnt war. Insbesondere die zunehmende Digitalisierung hat nicht automatisch zu einer Entlastung geführt. Im Gegenteil: Die Einführung elektronischer Dokumentationssysteme und der elektronischen Patientenakte bedeutet im klinischen Alltag häufig einen erheblichen zusätzlichen Zeitaufwand – oftmals sogar mehr als früher bei der klassischen papiergeführten Akte.
Hinzu kommt, dass viele administrative Tätigkeiten zunehmend auf das ärztliche Personal übertragen wurden. Dadurch ist die Belastung im Alltag weiter gestiegen. Die Effizienzgewinne, die wir im ambulanten Bereich durch Digitalisierung durchaus erlebt haben, lassen sich im stationären Bereich bislang offenbar nicht in gleicher Weise realisieren. Diese Erfahrungen haben meinen Blick auf die Weiterentwicklung digitaler und sektorenübergreifender Strukturen durchaus geprägt.
Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass Digitalisierung nicht zu einer zusätzlichen Belastung wird, sondern tatsächlich Prozesse vereinfacht und die Versorgung verbessert. Technologie muss den ärztlichen Alltag unterstützen – nicht dominieren. Medizinische Qualität und Patientenorientierung müssen dabei immer im Mittelpunkt stehen.
Mir ist es wichtig, moderne Strukturen mit einer persönlichen und verantwortungsvollen Medizin zu verbinden. Gerade kleinere spezialisierte Einheiten können häufig sehr flexibel, effizient und patientennah arbeiten. Diese Stärke sollten wir auch innerhalb größerer Versorgungsstrukturen bewahren.
Herr Dr. Böker, Sie sind über viele Jahre Landesvorsitzender des Berufsverbands für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU) in Niedersachsen. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit prägen Ihre berufspolitische Arbeit, und wie fließen diese in Ihre Rolle als Präsident des DKOU 2026 ein?
Dr. Wolfgang Böker: Die Tätigkeit im BVOU hat meinen Blick auf die Versorgungssituation in Deutschland stark geprägt. Dort erlebt man sehr unmittelbar, mit welchen Herausforderungen Kolleginnen und Kollegen im Alltag konfrontiert sind – von zunehmender Bürokratie über wirtschaftlichen Druck bis hin zum Nachwuchsmangel.
Neben meiner Tätigkeit im BVOU bin ich seit vielen Jahren auch in der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen aktiv und inzwischen Vorsitzender des beratenden Fachausschusses. Dadurch erlebe ich die Probleme der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen sehr direkt. Viele Sorgen und Entwicklungen werden unmittelbar an mich herangetragen. Gerade in der aktuellen Situation mit teilweise einschneidenden Honorarkürzungen ist es wichtig, gesundheitspolitische Entwicklungen nicht nur theoretisch zu diskutieren, sondern ihre konkreten Auswirkungen auf die tägliche Versorgung zu kennen.
Die Erfahrungen aus der berufspolitischen Arbeit helfen dabei, auch im politischen Umfeld realistisch und strategisch agieren zu können. Denn viele Probleme unseres Gesundheitssystems entstehen nicht auf der Ebene der Medizin, sondern durch strukturelle und gesundheitspolitische Rahmenbedingungen. Umso wichtiger ist es, dass sich Ärztinnen und Ärzte aktiv in diese Diskussionen einbringen.
Diese Erfahrungen fließen selbstverständlich auch in meine Rolle als DKOU-Präsident ein. Der Kongress soll nicht nur wissenschaftliche Entwicklungen präsentieren, sondern auch die gesundheitspolitische Realität unseres Fachs abbilden. Orthopädie und Unfallchirurgie stehen aktuell vor tiefgreifenden Veränderungen – sei es durch Ambulantisierung, Digitalisierung, ökonomischen Druck oder den Wandel der Versorgungsstrukturen. Der DKOU muss deshalb auch ein Forum sein, in dem diese Themen offen, kritisch und konstruktiv diskutiert werden können.
Dr. Wolfgang Böker, Danke für das Gespräch!
Das Interview führte Janosch Kuno