Für viele Medizinstudierende beginnt der erste Kontakt mit der Orthopädie und Unfallchirurgie (O&U) heute nicht im Hörsaal, nicht im OP und nicht während einer Famulatur, sondern bereits auf dem Smartphone. Ärztinnen und Ärzte in O&U sind dargestellt als grobe Handwerker, ausgestattet mit Hammer, Meißel oder Bohrmaschine, begleitet von lauter Musik, Muskelposen oder sportlichen Anspielungen.
Soziale Medien und soziale Netzwerke beeinflussen zunehmend das Gesundheitswesen und kommen auch in Orthopädie und Unfallchirurgie vermehrt zum Einsatz bspw. als Informationsplattform, für Fortbildungsinhalte oder auch Patientenmarketing [1]. Eine aktuelle Umfrage aus den USA konnte einen hohen Nutzungsgrad von 82% der orthopädisch-unfallchirurgischen Chirurginnen und Chirurgen nachweisen. Deutlich höher sind die Zahlen unter den Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung mit jeweils 98% Nutzungsgrad [2]. Die weltweit größten Plattformen sind Facebook, YouTube und Instagram. Die Plattform Instagram setzt den Fokus auf visuellen Darstellungen wie Fotos und Videos. Kurzvideoformate (sog. Reels) und bearbeitete, humoristische Fotos (sog. Memes) gewinnen zunehmend an Bedeutung. Diese Formate sind vereinfacht und leicht verständlich und werden millionenfach verbreitet. Dadurch können Meinungen, Einstellungen und Stereotype transportiert und verstärkt werden. Eine aktuelle Studie aus den USA, durchgeführt am Ohio State University College of Medicine, zeigt, dass 88% der befragten Studierenden bereits Darstellungen zu O&U in sozialen Medien gesehen haben. Die dargestellten Inhalte vermittelten bei der Mehrheit der Studierenden (56%) einen negativen Eindruck des Fachbereiches. Die von den Studierenden am häufigsten genannten Stereotypen waren „frauenunfreundlich und männerdominiert“ (47%) „Ortho-Bro“ (45%), „fitnessfokussiert“ (43%) sowie „dumm“ und „keine internistischen Kenntnisse“ (27%). Bemerkenswert ist, dass 67% der Studierenden angaben, diese Stereotype erstmals nicht durch eigene Erfahrung, sondern durch Erzählungen oder mediale Inhalte kennengelernt zu haben [4]. Soziale Medien fungieren damit nicht nur als Verstärker, sondern als primäre Quelle der Stereotypbildung. Häufig erscheint O&U als nahezu ausschließlich operatives Fach, dessen ärztliche Kompetenz auf mechanische Probleme des Bewegungsapparates reduziert wird. Es wird suggeriert, dass Ärztinnen und Ärzte in O&U internistische Zusammenhänge nicht einordnen können und mit Erkrankungen wie Diabetes, kardiovaskulären Risiken oder Infektionen überfordert seien. Diese Darstellung reduziert das Fach auf eine rein technische Tätigkeit und blendet die Realität der perioperativen Medizin, der internistischen Mitbehandlung multimorbider Patientinnen und Patienten sowie der interdisziplinären Zusammenarbeit vollständig aus.
Trotz der mehrheitlichen Anzahl von Studentinnen in der Medizin (ca. 65% im Jahr 2024), wird für die Orthopädie und Unfallchirurgie in den sozialen Medien weiterhin ein maskulines Berufsbild vermittelt [3]. Das ärztliche Personal wird überwiegend als männlich, jung, athletisch und körperlich stark dargestellt. Dies findet Ausdruck in der stereotypisierenden Bezeichnung „Ortho-Bro“. Weibliche Ärztinnen, diverse Lebensentwürfe oder nicht dem Stereotyp entsprechende Persönlichkeiten sind in diesen Darstellungen deutlich unterrepräsentiert oder fehlen vollständig. Durch die ständige Wiederholung dieser Motive entsteht ein normatives Bild von O&U, das implizit vermittelt, welche Eigenschaften für eine Zugehörigkeit zum Fach erforderlich seien.
Effekte stereotyper Darstellungen
Doch wie können sich diese Stereotypen auswirken und welche Probleme können solche Bilder mit sich bringen? Die Wirkung zeigt sich insbesondere auf psychosozialer Ebene, etwa im Erleben von Zugehörigkeit oder Ausgrenzung.
Das Konzept des “sense of belonging” beschreibt das subjektive Empfinden, in einer Gruppe akzeptiert und wertgeschätzt zu sein. In Bezug auf O&U zeigen qualitative Untersuchungen, dass das Gefühl, nicht dazuzugehören – etwa aufgrund von Geschlecht, körperlicher Statur oder kultureller Zugehörigkeit – die berufliche Identifikation mit dem Fach sowie die Facharztpräferenzen beeinflussen kann. Studierende, die O&U als wenig divers und inklusiv wahrnehmen, zeigen weniger Interesse am Fach, auch wenn sie objektiv kompetent wären [5]. Medizinstudierende berichten, dass verbreitete Vorstellungen von O&U als „körperlich besonders anspruchsvoll“ und „männlich dominiert“ ihre Wahrnehmung des Fachs prägen, selbst wenn diese Zuschreibungen nicht zwingend die tatsächlichen Anforderungen oder die inhaltliche Vielfalt der Tätigkeiten widerspiegeln [6].
Möglicherweise hat die einseitige stereotype Darstellung des „männlichen, starken, athletischen Orthopäden“ eine abschreckende Wirkung auf Studierende, die sich mit diesem Bild nicht identifizieren können.
Empirische Befunde legen nahe, dass insbesondere Studierende ohne unmittelbare Erfahrung in O&U ihre Wahrnehmung des Fachs stärker an medial vermittelten Bildern orientieren und dieses häufiger negativ bewerten. Demgegenüber berichten Studierende mit praktischen Erfahrungen in O&U häufig über eine positivere Einstellung zum Fach. Dies deutet darauf hin, dass reale Einblicke stereotype Vorstellungen relativieren können, während fehlende Erfahrung die Wirkung vereinfachter und potenziell exkludierender Darstellungen verstärkt.
Dies steht im Einklang mit dem Konzept der „stereotype threat“, einem psychosozialen Mechanismus, der beschreibt, wie aus der Angst davor negative Stereotype über die eigene soziale Gruppe zu verstärken, eine verminderte Leistungsfähigkeit sowie Selbstzweifel entstehen können. In der Konsequenz könnte auch dies dazu beitragen, dass bestimmte Fachrichtungen frühzeitig gemieden werden. Insbesondere Frauen berichten über höhere Barrieren, die durch stereotype Bilder erzeugt werden, sowohl im Studium als auch bei der Wahl chirurgischer Disziplinen. [4]
Chancen sozialer Medien
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass soziale Medien nicht per se als problematisch zu betrachten sind, sondern vielmehr von der Art der dargestellten Inhalte abhängen. Damit stellt sich die Frage, ob soziale Medien vom Teil des Problems zu einem Instrument positiver Veränderung werden können. Sie bieten durchaus das Potential, stereotype Narrative zu hinterfragen und differenzierte, realitätsnahe Bilder von O&U sichtbar zu machen. Insbesondere für Studierende ohne frühzeitigen klinischen Kontakt zu O&U könnten die sozialen Medien niedrigschwellige, reale Einblicke zeigen und als Mentoringplattform dienen. Vielfältige Darstellungen von ärztlichen Tätigkeiten mit unterschiedlichen Karriere- und Lebensmodellen können dazu beitragen, den Nachwuchs zu unterstützen und Studierende von der Vielfältigkeit des Faches begeistern. Eine bewusste Nutzung der digitalen Plattformen kann somit nicht nur reproduktiv und stereotypverstärkend, sondern transformativ zur Öffnung von O&U und zu einer diverseren Nachwuchsförderung beitragen.
Alste Schroeder (Freiburg)
Medizinstudentin, AG Berufspolitik YOUngsters
Marvin Berger (Universität Würzburg)
Arzt, AG Berufspolitik YOUngsters





