Der Mangel an ärztlichem Nachwuchs gehört zu den größten Herausforderungen des deutschen Gesundheitswesens. Deutschland verfügt im internationalen Vergleich zwar über eine hohe Dichte an ärztlichem Personal, dennoch bestehen erhebliche regionale und fachspezifische Versorgungsunterschiede. Insbesondere ländliche Regionen kämpfen seit Jahren mit Schwierigkeiten bei der Nachbesetzung hausärztlicher Praxen, während Ballungszentren weiterhin eine hohe Attraktivität für junge Mediziner:innen besitzen. Diese Entwicklung führte beim Masterplan Medizinstudium 2020 zur Einführung der Landarztquote – einem Instrument, das den Zugang zum Medizinstudium gezielt an eine spätere, vertraglich festgelegte hausärztliche Tätigkeit in unterversorgten Regionen koppelt. Inzwischen haben elf Bundesländer eine entsprechende Regelung geschaffen.
Befürworter sehen darin ein innovatives Instrument, um Versorgungslücken langfristig zu schließen. Kritiker hingegen verweisen auf die lange Bindungsdauer mit der Konsequenz bereits im jungen Alter eine langfristig verbindliche Entscheidung über den beruflichen Werdegang zu treffen. Ob die Landarztquote ihr zentrales Ziel – die nachhaltige Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung in unterversorgten Regionen – tatsächlich erreicht, lässt sich gegenwärtig noch nicht abschließend beurteilen. Die ersten Ärzt:innen, die über die Landarztquote ihr Studium aufgenommen haben, werden voraussichtlich erst ab 2030/2031 ihre hausärztliche Tätigkeit aufnehmen.
Bereits jetzt zeigt sich eine konstant hohe Anzahl an Bewerbungen für diese Studienplätze. Bisher bleibt jedoch unklar, ob die vertragliche Verpflichtung tatsächlich der entscheidende Grund für die spätere Berufswahl sein wird oder ob schon bereits vorhandene Präferenzen lediglich kanalisiert werden.
Parallel dazu verschärfen sich jedoch auch in den chirurgischen Disziplinen die Nachwuchsprobleme. Insbesondere Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung im ländlichen Raum berichten zunehmend über unbesetzte Weiterbildungs- und Facharztstellen. Vor diesem Hintergrund erscheint eine Frage naheliegend: Wenn sich durch die Landarztquote der hausärztliche Nachwuchs langfristig steuern lässt – wäre dann eine vergleichbare „Chirurgiequote“ geeignet, den Personalmangel in Fachrichtungen wie Orthopädie und Unfallchirurgie zu beheben?
Die Ursachen für unbesetzte chirurgische Stellen liegen häufig nicht in einer unzureichenden regionalen Verteilung, sondern in tiefgreifenden strukturellen Veränderungen des Fachgebiets selbst. Ein genereller Mangel an Chirurg:innen besteht auf den ersten Blick nicht. Dennoch berichten zahlreiche Krankenhäuser seit Jahren über zunehmende Schwierigkeiten bei der Besetzung ärztlicher Stellen. Vakante Weiterbildungsstellen, verlängerte Ausschreibungsverfahren und eine zunehmende Rekrutierung von Honorarärzten oder international rekrutierten Ärzt:innen sind vielerorts längst Teil des klinischen Alltags. Hinzu kommt, dass sich die Erwartungen der jüngeren Ärzt:innengeneration an ihren Beruf grundlegend verändert haben. Während frühere Generationen lange Arbeitszeiten und eine ausgeprägte Dienstbelastung häufig als selbstverständlichen Bestandteil der chirurgischen Weiterbildung akzeptierten, rücken heute Aspekte wie planbare Arbeitszeiten, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, strukturierte Weiterbildung sowie transparente Karriereperspektiven zunehmend in den Vordergrund. Diese Entwicklung betrifft keineswegs ausschließlich die Chirurgie, trifft hier jedoch auf ein Fachgebiet, dessen Identität traditionell eng mit hoher persönlicher Einsatzbereitschaft und einer erheblichen zeitlichen Belastung verbunden war.
Vor diesem Hintergrund wäre eine Chirurgiequote zwar grundsätzlich denkbar und gesundheitspolitisch umsetzbar. Es ist jedoch fraglich, ob sie den eigentlichen Ursachen des Nachwuchsmangels gerecht würde. Eine Quote kann den Zugang zu einem Fachgebiet steuern – sie kann dessen Attraktivität jedoch nicht ersetzen. Sie würde junge Ärzt:innen langfristig an ein Fach binden, ohne gleichzeitig diejenigen Rahmenbedingungen zu verändern, die viele von einer chirurgischen Karriere abhalten. Die Gefahr bestünde darin, ein strukturelles Problem mit einem regulatorischen Instrument lösen zu wollen.
Nachhaltiger erscheint daher ein anderer Ansatz: Wer den chirurgischen Nachwuchs langfristig sichern möchte, muss die Chirurgie als Beruf attraktiver machen. Dazu gehören eine qualitativ hochwertige und verlässlich strukturierte operative Weiterbildung, ausreichende personelle Ressourcen, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit modernen Arbeitszeitmodellen sowie eine frühzeitige Begeisterung für das Fach bereits im Medizinstudium durch gute Lehre. Ebenso wichtig ist eine Ausbildungskultur, die operative Eigenverantwortung fördert, Mentoring etabliert und jungen Kolleg:innen Entwicklungsperspektiven eröffnet.
Die nachhaltigste Investition in die chirurgische Versorgung ist daher nicht eine Quote, sondern ein Fach, für das sich junge Ärzt:innen aus Überzeugung entscheiden – denn die Entscheidung für ein chirurgisches Fach kann die beste Wahl fürs Leben sein.
Lilly-Charlotte Albertsen
LMU München
Junges Forum O&U





