Deutschland hat bezogen auf das BIP das teuerste Gesundheitssystem der EU und auch international trennen uns lediglich die USA vom ersten Platz. Trotzdem haben einige Länder mit geringeren Gesundheitsausgaben eine höhere Lebenserwartung. Vorschnell wird allein daraus oft geschlussfolgert, dass unser Gesundheitssystem schlecht sei und es dafür nicht mehr Finanzmittel benötige; Restrukturierungen wie verbesserte intersektorale Zusammenarbeit und Digitalisierung reichten allemal aus. Doch der Vergleich der Lebenserwartung allein ermöglicht nicht automatisch einen Vergleich der Qualität von Gesundheitssystemen, da diese von zahlreichen weiteren Faktoren abseits der Gesundheitsversorgung abhängt.
Wie schneidet Deutschland in anderen Bereichen, die die Lebenserwartung ebenfalls beeinflussen, ab?
Die Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) veröffentlicht in regelmäßigen Abständen gesundheitsbezogene Statistiken. Die im Folgenden wiedergegebenen Daten entstammen größtenteils den OECD Health statistics 2025, die in der Regel Daten der Vorjahre betrachten. Die Lebenserwartung eines Neugeborenen in Deutschland beträgt demnach aktuell 81,1 Jahre und liegt damit genau im Durchschnitt der OECD-Staaten. Bei den Gesundheitsausgaben pro Kopf liegt die BRD mit knapp 9.400 US-Dollar ebenso wie bei den Gesundheitsausgaben bezogen auf das BIP (12,3%) jedoch deutlich über dem Durchschnitt (5.967 USD; 9,3%). Gleichzeitig liegen Länder mit deutlich günstigeren Gesundheitssystemen wie beispielsweise Spanien bei der Lebenserwartung weit vorne (5.346 USD; 84 Jahre).
Grundsätzlich haben reiche Länder größtenteils einige Standards gemeinsam, die ihnen einen Vorsprung gegenüber Entwicklungsländern verschaffen: niedrige Kindersterblichkeit sowie Zugang zu sauberem Trinkwasser, sanitären Anlagen und andere hygienische Aspekte. Etablierte Demokratien profitieren zudem oft von politischer Stabilität, damit von weniger Kriminalität und Gewaltopfern.
Interessanter wird es, wenn man in Richtung Lebensstil blickt, da hier die Unterschiede zwischen den Industrienationen größer sind. Der OECD-Durchschnitt beim Anteil der Bevölkerung, der übergewichtig ist liegt bei 19%. Deutschland schneidet hier mit nur 16,7% gut ab, allerdings schaffen es trotzdem einige Staaten wie Italien, Frankreich oder Spanien bessere Quoten zu erzielen.
14,6% der deutschen Bevölkerung rauchen täglich. Damit bewegt sich die BRD in dieser Hinsicht nah am OECD-Durchschnitt von 14,8%. Raucherquoten sind in Deutschland bereits seit mehreren Jahren gesunken. Dennoch gibt es in dieser Kategorie noch viel Verbesserungspotential, da Nationen wie die USA, Mexiko und Kanada Quoten zwischen 8% und 8,7% erzielen konnten.
Deutlich negativer steht die BRD mit 10,6 Litern reinem Alkohol pro Person und Jahr beim Alkoholkonsum im Rampenlicht. Der OECD-Durchschnitt ist mit 8,5 Litern deutlich niedriger. Zu den wenigen Nationen, die hier noch schlechter abschneiden gehören größtenteils osteuropäische Länder wie Rumänien, Tschechien, Bulgarien oder Lettland.
In puncto Luftverschmutzung schafft es die Bundesrepublik nur leicht besser als der Durchschnitt abzuschneiden. Zu den besten in dieser Kategorie gehören vor allem nordische Länder wie Finnland, Island und Schweden.
Die Suizidrate ist in Deutschland mit 9,7 pro 100.000 Einwohnern leicht niedriger als der Durchschnitt von 10,7 pro 100.000 Einwohnern.
Mit 3,4 Verkehrstoten je 100.000 Einwohnern schneidet Deutschland laut statistischem Bundesamt besser als der EU-Durchschnitt (4,5 pro 100.000 Einwohner) ab.
Auch in Sachen Gesundheitsversorgung offenbart die OECD interessante Statistiken. In Deutschland haben wie in vielen anderen OECD-Staaten 100% der Bevölkerung Anspruch auf einen Kernsatz von Gesundheitsleistungen. 81% der Deutschen gaben an, mit der Verfügbarkeit qualitativ hochwertiger Gesundheitsversorgung zufrieden zu sein. Nur 0,8% gaben an, ungedeckten Bedarf an eigentlich notwendiger medizinischer Versorgung gehabt zu haben. Hier gehört Deutschland neben Tschechien und den Niederlanden zu den besten der Welt, der OECD-Durchschnitt liegt bei 3,4%. Niedrigschwelligen Zugang zu ambulanter haus- und fachärztlicher Versorgung mit vergleichsweise kurzen Wartezeiten kann man durchaus auch als Qualitätsindikator für Gesundheitssysteme werten.
Pro 100 Einweisungen von mindestens 45 Jahre alten Personen wegen eines akuten Myokardinfarkts starben in Deutschland 7,9 innerhalb der ersten 30 Tage. Das ist schlechter als der OECD-Durchschnitt von 6,5. Besser sieht es bei der 30 Tages Mortalität nach einem ischämischen Schlaganfall aus. Hier schneidet die BRD positiv im Vergleich zum Durchschnitt ab (7 vs. 7,7).
Im präventiven Bereich lässt Deutschland zu wünschen übrig. So lassen laut OECD beispielsweise deutsche Frauen im Alter von 50-69 Jahren unterdurchschnittlich häufig Mammographiesceenings durchführen. Auch bei Screenings auf Zervixkarzinome liegt Deutschland unter dem Durchschnitt. Während die Masernimpfquote noch überdurchschnittlich ist, ließen sich nur 89% aller impfberechtigten Kinder in Deutschland dreifach gegen Diphterie, Tetanus und Pertussis impfen. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 93%. Außerdem ließen sich nur 40% der mindestens 65 Jahre alten Deutschen gegen Influenza impfen, der OECD-Durchschnitt lag bei 51%.
Mit 7,7 Krankenhausbetten, 4,7 Ärzten und 12,2 Krankenschwestern pro 1.000 Einwohnern und 74 Großgeräten wie CT, MRT und PET, pro 1.000.000 Einwohnern liegt Deutschland in all diesen Bereichen über dem Durchschnitt. Im Bereich Krankenhausbetten liegt der OECD-Durchschnitt bei gerade einmal 4,2 pro 1.000 Einwohnern. Einige Länder, darunter Schweden, Spanien und Italien schaffen es mit einer noch geringeren Anzahl an Krankenhausbetten (1,9; 2,9; 3 pro 1.000 Einwohner) auf eine mehr als zwei Jahre höhere Lebenserwartung als Deutschland (83,4; 84; 83,5 Jahre). Nicht zuletzt deshalb wird in Deutschland eine Anpassung der Zahl der Krankenhausbetten an den europäischen Standard gefordert, wo dieser noch nicht erreicht ist. Besonders naheliegend scheint dieser Gedanke außerdem, wenn man bedenkt, dass die OECD Deutschland mit 810 vermeidbaren Krankenhausaufenthalten pro 100.000 Einwohnern deutlich über dem Durchschnitt von 473 listet, was Ambulantisierungspotential nahelegt. Der Vergleich mit anderen Ländern legt nahe, dass eine gleichzeitige Reduktion beider Indikatoren eventuell zur Kosteneinsparung beitragen könnte, ohne die Lebenserwartung in Deutschland negativ zu beeinflussen.
Übrigens besonders interessant für unser Fachgebiet: unter den Ländern mit verfügbaren Daten war Deutschland im Jahr 2023 laut OECD mit 351 Hüftendoprothesen pro 100.000 Einwohnern auf Platz 1 und bei Knieendoprothesen mit 268 pro 100.000 Einwohnern auf dem zweiten Platz hinter der Schweiz.
Der Bericht offenbart: es gibt diverse Erklärungen, weshalb in Deutschland die Lebenserwartung nicht proportional zu den Gesundheitsausgaben ansteigt. In einigen Bereichen schneidet die Bundesrepublik nur durchschnittlich oder sogar schlechter als viele andere Nationen ab. Wenn Deutschland seine Lebenserwartung steigern will, könnte Prävention einen bedeutenden, verbesserungsfähigen Faktor darstellen. Simple Lebensstiländerungen wie Adipositas, Alkohol- und Tabakkonsum zu reduzieren könnten bereits einen wesentlichen Einfluss auf die Lebenserwartung haben.
Grundsätzlich ist der internationale Vergleich von Gesundheitssystemen aufgrund deutlicher struktureller Unterschiede immer schwierig. Wahrscheinlich ist das deutsche Gesundheitssystem aber gar nicht so schlecht, wie man ihm manchmal unterstellt. Wer einmal im fernen Ausland war, versteht, warum jeder bei ernsten Gesundheitsproblemen sehr schnell wieder hierher zur Versorgung zurückkommt. Selbst wenn die Lebenserwartung in irgendeiner Form Rückschlüsse auf die Qualität des Gesundheitswesens zulassen sollte, erlaubt der Indikator Lebenserwartung keine Rückschlüsse darauf, ob das Gesundheitssystem in Gänze weniger gut funktioniert oder welche Teile bzw. Sektoren des Gesundheitswesens besonders gut oder schlecht funktionieren. Interessant wären wissenschaftliche Untersuchungen dazu, in welcher Gewichtung die vorgenannten Faktoren und insbesondere einzelne Teilbereiche eines Gesundheitswesens auf die Überlebensraten einstrahlen. Dies wäre gerade auch in Bezug auf aktuelle gesundheitspolitische Entscheidungen zu einem Primärarztsystem oder dem direkten Facharztzugang gerade auch in Bezug auf das Fachgebiet O&U, interessant. Wer sich für weitere gesundheitsbezogene Statistiken interessiert, findet diese auf der Webseite der OECD.
Leopold Braun
Tübingen







