Dr. Burkhard Lembeck, Präsident des BVOU, spricht im Änd-Interview über strukturelle und finanzielle Hürden, den drohenden Nachwuchsmangel und die Chancen digitaler Innovationen. Er mahnt: Nur mit mutigen Reformen und praxisnahen Lösungen lässt sich die Versorgung auch in Zukunft sichern.
2025 war geprägt von Diskussionen um Ambulantisierung, Hybrid-DRG und Krankenhausreform. Was hat Ihre Fachgruppe am stärksten betroffen oder bewegt?
Dr. Burkhard Lembeck: Für mich gehören alle drei Aspekte zusammen: Bei der Zentralisieurng und der Ambulantisierung hinkt Deutschland strukturelle hinterher -Krankenhausreform und Hybrid DRG sind die gesetzlichen Initiativen dazu.
Als Berufsverband begleiten wir beides: Beim KHAG mahnen wir Änderungen bei den Vorgaben zur personellen Ausstattung an, bei den Hybrid DRG informieren wir die Kolleginnen und Kollegen über die Änderungen ab 01.01. 2026 in Form von Webinaren usw. und mahnen weiter bei der Selbstverwaltung die bestehenden Defizite bei der Ausgestaltung an. Teilweise führt die aktuelle Ausgestaltung der Hybrid-DRG zu Honorarkürzungen sogar gegenüber der Abrechnung über EBM, das ist nicht hinnehmbar.
Wie wirkt sich die aktuelle Entwicklung der Hybrid-DRG auf die orthopädisch-unfallchirurgische Versorgung in den Praxen aus?
Dr. Lembeck: Wir begleiten das Thema Hybrid-DRG schon seit vier Jahren sehr intensiv – sowohl wissenschaftlich als auch gesundheitsökonomisch. Mit dem „Wiesbadener Modell“ haben wir einen umfangreichen Katalog an ambulantisierbaren Leistungen aus unserem Fachgebiet vorgelegt, der fast eine Million Fälle umfasst. Die Erweiterung des Hybrid-DRG-Katalogs, wie sie im April 2025 beschlossen wurde, begrüßen wir ausdrücklich. Das ist ein wichtiger Schritt, um die Versorgung sowohl stationär als auch ambulant zu verbessern. In den neuen Katalog werden auch die Osteosynthesen mit aufgenommen, absehbar ist aber die Erweiterung auf Arthroskopien, Metallentfernungen der Hüfte usw.
Die Praxen sehe ich dabei gut aufgestellt, bei ihnen ist ambulantes Operieren oder auch tageschirurgische Eingriffe seit Jahren Standard.
Welche strukturellen oder finanziellen Hemmnisse verhindern derzeit, dass mehr Operationen ambulant durchgeführt werden können?
Dr. Lembeck: Strukturell stehen die Kliniken vor den größten Herausforderungen – sie müssen sich entscheiden, ob sie ambulante Eingriffe weiter anbieten wollen, dann müssen sie in den meisten Fällen die Prozesse dringend optimieren. Oder sie konzentrieren sich auf die Fälle, die absehbar eines stationären Aufenthaltes bedürfen. Völlig ungeklärt ist im Moment, wie man sich die Ambulantisierung bei konservativen Fällen vorstellt – das betrifft im Bereich O+U vor allen Dingen den akuten Rückenschmerz, den gestürzten älteren Patienten usw. Hier bedarf es dringend struktureller Reformen.
Finanziell weiter ungeklärt ist die Frage der finanziellen Berücksichtigung der Weiterbildung bei Eingriffen. Viele der im Hybrid-DRG-Katalog ab 2026 enthaltenen Eingriffe sind wichtige Weiterbildungseingriffe für unser Fachgebiet. Damit diese auch weiterhin sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich stattfinden können, brauchen wir eine Neubewertung dieser Eingriffe. Wir schlagen deshalb einen sektorenübergreifenden, fallbezogenen Zuschlag für Weiterbildungseingriffe vor, der den zusätzlichen Personal- und Zeitaufwand abbildet. In Kliniken besteht sonst die Gefahr, dass nur noch erfahrene Fachärzte diese Eingriffe durchführen, um die Kalkulationszeiten einzuhalten. In Praxen wiederum muss die Forderung nach persönlicher Leistungserbringung durch Vertragsärzte bei Weiterbildungseingriffen gelockert werden, damit ambulante Weiterbildung rechtssicher möglich ist.
Ganz zentral ist für uns auch die finanzielle Förderung der ambulanten Weiterbildung ab 2026 – analog zur Förderung in der Allgemeinmedizin. Nur so können wir die Versorgung und die Qualität der Ausbildung auch in Zeiten des Ärztemangels sichern.
Wie beurteilen Sie die Nachwuchssituation in der Orthopädie und Unfallchirurgie – insbesondere im ambulanten Bereich?
Dr. Lembeck: Wir stehen vor einem echten Nachwuchsproblem. Der Altersdurchschnitt in unserem Fach steigt, und der Personalbedarf nimmt zu. Leider nimmt die Attraktivität der Orthopädie und Unfallchirurgie bei Medizinstudierenden ab. Das liegt unter anderem daran, dass die Qualität der chirurgischen Lehre, vor allem das Bedside-Teaching, oft unter Zeitmangel und fehlender didaktischer Ausbildung leidet. Das Praktische Jahr ist eigentlich eine große Chance, aber die Ausbildung in unserem Fach schneidet im Vergleich zu anderen Fächern nicht gut ab. Wir brauchen praxisorientierte Curricula, Mentorenprogramme und eine frühzeitige Einbindung in die Fachgesellschaften, um das zu ändern. Auch die Arbeitsbedingungen müssen familienfreundlicher und moderner werden, damit wir den Beruf wieder attraktiver machen und die Ausbildungsqualität sichern können.
Digitalisierung, TI, ePA, eAU – bringt die aktuelle Entwicklung in der Telematikinfrastruktur Ihrer Fachgruppe eher Entlastung oder zusätzliche Belastung?
Dr. Lembeck: Wir sind bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens zwar einen Schritt weiter, aber so, wie es aktuell läuft, wird das in Deutschland nicht gelingen. Das liegt nicht an den Praxisärzten – wir haben in unseren Praxen viel digitalisiert und modernisiert. Aber während wir ständig unter dem Damoklesschwert von Strafzahlungen stehen, können Technikanbieter sanktionslos versagen oder nicht fristgerecht liefern. Außerdem ist der Krankenhausbereich noch gar nicht an die ePA angebunden, sodass der digitale Bruch zwischen den Sektoren bleibt. Die ePA selbst ist technisch noch weit von dem entfernt, was möglich wäre – wir brauchen strukturierte Daten, die dem Arzt die Patientengeschichte auf einen Blick zeigen.
Mit der geplanten Einführung eines Primärarztsystems hätten wir die Chance, wirklich sektorenübergreifend und digital zu arbeiten – mit digitalem Check-In, KI-basierter Ersteinschätzung und einer echten, strukturierten Patientenakte. Dafür sollten wir uns die nötige Zeit nehmen. Digitalisierung funktioniert nur, wenn sie den Anwendern echten Nutzen bringt – das ist bisher leider nicht der Fall.
Wenn Sie drei Wünsche frei hätten: Was würde sich 2026 ändern?
Dr. Lembeck: Demokratie, Wohlstand, Frieden – das haben wir in Deutschland im Jahr 2025 gehabt. Ich bin da zunächst mal dankbar.
Für 2026 würde ich mir wünschen, dass mehr Menschen in der Welt im Jahr 2026 dies haben.
Interview erschienen im änd







