Die ambulante Versorgung steht vor einer existenziellen Krise: Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz ist nur ein weiterer Schritt in einer Entwicklung, die Praxen systematisch schwächt. Investitionen werden aufgeschoben, Nachfolgeregelungen scheitern, und der wirtschaftliche Druck wächst.
Gleichzeitig wird Patienten vermittelt, dass Einsparungen keine spürbaren Auswirkungen hätten – ein fataler Trugschluss.
Im Interview spricht Dr. Matthias Buhs, Landesvorsitzender Schleswig-Holstein, über die Realität in den Praxen, die Notwendigkeit kreativer Protestformen und die Frage, wie Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit geschaffen werden kann. Es wird deutlich: Kuschelkurs mit der Politik führt nicht weiter.
Herr Dr. Matthias Buhs, was bedeutet für Sie gute Medizin?
Dr. Matthias Buhs: Gute Medizin beginnt nicht im Operationssaal. Sie beginnt mit Zuhören, mit Zeit, mit Vertrauen – und mit einem ehrlichen Interesse am Menschen. Technischer Fortschritt, moderne Operationsverfahren und innovative Therapien sind zweifellos enorm wichtig. Ich selbst beschäftige mich täglich damit. Doch sie können niemals das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient ersetzen. Für mich bedeutet gute Medizin, wissenschaftlichen Fortschritt mit Menschlichkeit zu verbinden. Sie soll Krankheiten behandeln – noch besser ist es jedoch, Krankheiten zu verhindern. Sie soll Schmerzen lindern – noch besser ist es, Mobilität und Lebensqualität möglichst lange zu erhalten. Deshalb sehe ich die Zukunft unseres Gesundheitssystems nicht allein in neuen Medikamenten oder Technologien, sondern in einer Medizin, die wieder mehr Zeit für den Menschen hat. Denn am Ende erinnern sich Patienten selten an jedes Detail einer Behandlung, aber sie erinnern sich daran, ob sie sich ernst genommen gefühlt haben.
Was treibt Sie persönlich an, sich für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung einzusetzen? Welche langfristigen Ziele möchten Sie erreichen, insbesondere für die ambulante Medizin?
Dr. Buhs: Mich treibt die Überzeugung an, dass wir eines der leistungsfähigsten Gesundheitssysteme der Welt schleichend verändern – nicht durch einen einzigen großen Fehler, sondern durch viele kleine Entscheidungen, die in ihrer Summe die Versorgung schwächen.
Ich erlebe täglich Patienten, die darauf vertrauen, im Krankheitsfall gut versorgt zu werden. Gleichzeitig sehe ich Kolleginnen und Kollegen, medizinische Fachangestellte und Pflegekräfte, die zunehmend das Vertrauen verlieren, dass ihre Arbeit verstanden und wertgeschätzt wird. Die größte Herausforderung unseres Gesundheitssystems ist für mich nicht allein eine Finanzkrise, sondern eine Vertrauenskrise. Vertrauen ist die wichtigste Währung im Gesundheitswesen: Patienten müssen darauf vertrauen können, zeitnah Hilfe zu bekommen. Ärztinnen und Ärzte müssen darauf vertrauen können, dass gute Medizin politisch gewollt ist. Junge Menschen müssen darauf vertrauen können, dass medizinische Berufe auch in Zukunft attraktiv bleiben.
Deshalb engagiere ich mich. Mein Ziel ist eine starke ambulante Medizin, denn dort wird der größte Teil der Versorgung erbracht – wohnortnah, persönlich und wirtschaftlich. Eine starke ambulante Versorgung entlastet Krankenhäuser, verkürzt Wartezeiten und verbessert die Lebensqualität vieler Menschen. Dabei dürfen wir uns nicht nur fragen, wie wir Krankheit finanzieren, sondern wie wir Gesundheit erhalten. Prävention, Innovation, moderne Therapieverfahren und der Erhalt von Mobilität sind keine Luxusmedizin – sie sind Investitionen in die Zukunft unseres Gesundheitssystems.
Welche aktuellen Herausforderungen sehen Sie in der ambulanten und stationären Versorgung, insbesondere angesichts wachsender Anforderungen und begrenzter Ressourcen?
Dr. Buhs: Wir stehen vor mehreren gleichzeitigen Entwicklungen: Unsere Bevölkerung wird älter, chronische Erkrankungen nehmen zu, und der medizinische Fortschritt eröffnet neue Möglichkeiten – was jedoch auch den Behandlungsbedarf erhöht. Dem gegenüber stehen Personalmangel, zunehmende Bürokratie und wirtschaftlicher Druck. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir in Deutschland versuchen, immer mehr Medizin mit immer weniger Menschen und unter immer schwierigeren Rahmenbedingungen zu organisieren.
Besonders kritisch sehe ich, dass finanzielle Probleme der gesetzlichen Krankenversicherung oft dadurch gelöst werden sollen, dass diejenigen belastet werden, die die Versorgung täglich sicherstellen. Das löst jedoch kein einziges strukturelles Problem.
Wir müssen ehrlich darüber sprechen, warum den Krankenkassen Geld fehlt. Dazu gehören versicherungsfremde Leistungen, die aus Beitragsgeldern finanziert werden, ebenso wie die unzureichende Finanzierung der Gesundheitskosten von Bürgergeldempfängern durch den Bund. Die ambulante Medizin ist dabei kein Kostenproblem, sondern ein wesentlicher Teil der Lösung. Jeder Patient, der gut ambulant behandelt werden kann, entlastet das Krankenhaus und spart dem Gesundheitssystem erhebliche Kosten.
Wie bewerten Sie die Situation der Notfallversorgung, wie sie beispielsweise am Bethesda Krankenhaus in Hamburg-Bergedorf diskutiert wird? Welche Maßnahmen halten Sie für notwendig, um die Versorgung nachhaltig zu sichern?
Dr. Buhs: Die Diskussion um einzelne Krankenhäuser zeigt vor allem eines: Unser Gesundheitssystem arbeitet vielerorts bereits an seiner Belastungsgrenze. Wir brauchen leistungsfähige Krankenhäuser, aber Notfallversorgung kann nur funktionieren, wenn ambulante und stationäre Versorgung endlich als gemeinsames System gedacht werden. Viele Menschen landen heute in den Notaufnahmen, obwohl sie ambulant behandelt werden könnten. Gleichzeitig warten schwer erkrankte Patienten oft zu lange auf notwendige Versorgung.
Das ist weder für Patienten noch für die Mitarbeitenden in den Kliniken zufriedenstellend. Wir benötigen eine intelligente Patientensteuerung, eine bessere Vernetzung zwischen niedergelassenen Ärzten, Bereitschaftsdiensten und Krankenhäusern sowie digitale Lösungen, die Patienten schneller an die richtige Stelle führen. Strukturreformen dürfen sich dabei nicht ausschließlich an betriebswirtschaftlichen Kennzahlen orientieren. Gesundheitsversorgung ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Deshalb müssen Erreichbarkeit, Qualität und Versorgungssicherheit immer gemeinsam betrachtet werden.
Die Arbeitsbelastung im medizinischen Bereich ist hoch. Was schlagen Sie vor, um die Arbeitsbedingungen für Ärzte und medizinisches Fachpersonal zu verbessern und den Fachkräftemangel zu bekämpfen?
Dr. Buhs: Wenn ich einen einzigen Wunsch frei hätte, dann wäre es weniger Bürokratie. Wir haben hochqualifizierte Ärztinnen, Ärzte und medizinische Fachangestellte, die jedoch täglich Stunden mit Dokumentation, Formularen und Verwaltungsaufgaben verbringen. Diese Zeit fehlt unmittelbar den Patienten. Der Fachkräftemangel wird sich nicht allein durch mehr Ausbildungsplätze lösen lassen. Natürlich brauchen wir mehr Nachwuchs, aber wir müssen vor allem die Menschen im Beruf halten. Dafür benötigen wir attraktivere Arbeitsbedingungen, moderne digitale Prozesse, mehr Eigenverantwortung für medizinische Fachberufe und eine Kultur der Wertschätzung.
Die meisten Menschen verlassen das Gesundheitswesen nicht wegen ihrer Patienten, sondern wegen der Rahmenbedingungen. Wenn wir diese verbessern, gewinnen wir nicht nur Fachkräfte zurück, sondern verbessern gleichzeitig die Versorgung.
Welche Ansätze verfolgen Sie, um die Öffentlichkeit für die strukturellen Probleme im Gesundheitssystem zu sensibilisieren? Wie wichtig ist Transparenz und Aufklärung aus Ihrer Sicht?
Dr. Buhs: Transparenz ist für mich unverzichtbar. Viele Menschen erleben erst dann Probleme im Gesundheitssystem, wenn sie selbst betroffen sind – etwa, wenn sie monatelang auf einen Termin warten oder keine wohnortnahe Versorgung mehr finden. Ich halte es für unsere Verantwortung, Entwicklungen frühzeitig offen anzusprechen – nicht, um Angst zu erzeugen, sondern um Verständnis zu schaffen.
Ich versuche dies über Gespräche mit Patienten, Vorträge, Podcasts, soziale Medien und den Austausch mit politischen Entscheidungsträgern. Dabei geht es mir nicht darum, Schuldige zu suchen, sondern Lösungen zu entwickeln. Denn gute Gesundheitspolitik beginnt dort, wo Probleme ehrlich benannt werden.
Welche konkreten politischen oder finanziellen Reformen sind aus Ihrer Sicht notwendig, um sowohl die stationäre als auch die ambulante Versorgung zukunftssicher zu gestalten?
Dr. Buhs: Zunächst brauchen wir Ehrlichkeit. Wir können auf Dauer nicht immer neue Leistungen versprechen, wenn gleichzeitig Personal und finanzielle Ressourcen begrenzt sind. Versicherungsfremde Leistungen müssen konsequent aus Steuermitteln finanziert werden. Ebenso muss der Bund die Gesundheitskosten der Bürgergeldempfänger vollständig übernehmen, anstatt diese Last auf die Beitragszahler der gesetzlichen Krankenversicherung zu verlagern. Parallel dazu brauchen wir einen konsequenten Bürokratieabbau. Jede Stunde, die medizinisches Personal weniger dokumentieren muss, steht unmittelbar für Patienten zur Verfügung.
Wir müssen Innovationen fördern statt bremsen. Moderne Verfahren, Prävention, Gelenkerhalt, Digitalisierung und neue Therapiekonzepte helfen nicht nur einzelnen Patienten, sondern können langfristig Kosten senken und Lebensqualität erhalten. Vor allem aber wünsche ich mir einen Perspektivwechsel: Wir sollten viel häufiger darüber sprechen, welche Gesundheitsversorgung wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen wollen.
Wenn Sie auf das deutsche Gesundheitssystem in zehn oder zwanzig Jahren blicken: Wie sollte es aussehen?
Dr. Buhs: Ich wünsche mir ein Gesundheitssystem, in dem die Menschen wieder Vertrauen haben – darauf, dass sie im Krankheitsfall schnell und kompetent versorgt werden.
Ich wünsche mir ein System, das Gesundheit stärker erhält, anstatt sich überwiegend mit den Folgen von Krankheit zu beschäftigen. Prävention, Bewegung, Ernährung, Früherkennung und moderne regenerative Therapien sollten selbstverständlich sein. Die ambulante Versorgung muss dabei das Fundament bleiben. Gleichzeitig wünsche ich mir eine Medizin, die Innovation nicht als Kostenfaktor betrachtet, sondern als Chance.
Vor allem wünsche ich mir, dass wir Gesundheitspolitik wieder langfristig denken – nicht bis zur nächsten Wahl, sondern bis zur nächsten Generation. Denn Gesundheit ist kein Kostenfaktor, sondern die Grundlage für Freiheit, Lebensqualität und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Herr Dr. Buhs, Danke für das Gespräch.
Das Interview führte Janosch Kuno, BVOU-Pressearbeit.
Hinweis: Podcastfolge des Ärzteblatts SH über die fatalen Auswirkungen des Spargesetzes
Was bedeutet das GKV-Spargesetz für die ambulante fachärztliche Versorgung in Schleswig-Holstein? Schlechtere Versorgung, Umsatzeinbußen, mehr Belastung für die Praxisangestellten und eine Verlagerung der Diskussion aus dem politischen Raum an den Praxistresen. Urologe Tim Berke und Orthopäde Dr. Matthias Buhs, beide Vorsitzende ihrer Berufsverbände auf Landesebene, ärgert aber noch mehr: die Ignoranz der Politik gegenüber den Argumenten einer Berufsgruppe, die die Bevölkerung bislang gut versorgt.







