Am 10. Juni 2026 findet bundesweit ein Ärzte-Aktionstag gegen die geplanten Einsparungen im Gesundheitswesen statt. Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz bringt massive Kürzungen mit sich, die vor allem die ambulante Versorgung in der Orthopädie und Unfallchirurgie bedrohen. Weniger Termine, längere Wartezeiten, eingeschränkte Notfallversorgung und die Budgetierung ambulanter Operationen – all das sind Konsequenzen, die nicht nur Ärzte betreffen, sondern vor allem die Patienten. Um auf diese Missstände aufmerksam zu machen, hat der BVOU eine große Protestkampagne gestartet. Zum Aktionstag sprechen Dr. Helmut Weinhart (Vorstandssprecher und Vizepräsident), Dr. Anna-Katharina Doepfer (Vizepräsidentin) und Dr. Johannes Flechtenmacher (Schatzmeister) über die Auswirkungen der geplanten Sparmaßnahmen, die Konsequenzen für unsere Patienten und unsere Praxen sowie die Ziele der Protestaktion.
Herr Dr. Weinhart, wie konkret wird die Budgetierung der ambulanten Operationen die Versorgung der Patienten in der Orthopädie und Unfallchirurgie verändern?
Dr. Helmut Weinhart: Eine Budgetierung ambulanter Operationen bedeutet, dass es künftig eine strikte Obergrenze für die Anzahl der Operationen gibt, mit denen wir unsere Patienten kostendeckend versorgen können. Sobald dieses Budget ausgeschöpft ist, werden weitere Eingriffe entweder gar nicht mehr oder nur noch zu deutlich reduzierten Sätzen bezahlt. Für unsere Patienten heißt das: Notwendige Operationen können nicht mehr zeitnah ambulant angeboten werden, es entstehen Wartelisten, und viele Eingriffe werden aufgeschoben, müssen stationär durchgeführt werden oder werden unterlassen. Das ist ein klarer Rückschritt gegenüber der bisherigen extrabudgetären Vergütung, die eine bedarfsgerechte Versorgung ermöglichte. Damit wird die politische Forderung ambulant vor stationär ad Absurdum geführt und die Versorgung wird teurer.
Welche Folgen hat die Budgetierung für die wirtschaftliche Stabilität der Praxen in unserem Fachgebiet?
Dr. Helmut Weinhart: Die wirtschaftlichen Folgen sind gravierend. Durch die Budgetierung und die daraus resultierende Reduktion der Vergütung von 10 bis 20 Prozent – je nach KV-Region und Patientenstruktur – verlieren viele Praxen einen erheblichen Teil der notwendigen Grundlage für die Patientenversorgung. Damit ist nicht nur die die flächendeckende Versorgung unserer Patienten, sondern auch die Existenzgrundlage vieler Praxen gefährdet. Investitionen in moderne Technik, Personal oder innovative Therapien sind dann nicht mehr möglich. Viele Kolleginnen und Kollegen werden gezwungen sein, ihr Leistungsangebot einzuschränken oder im schlimmsten Fall ihre Praxis aufzugeben.
Was müsste aus Ihrer Sicht politisch geschehen, um diese Sparmaßnahmen zu verhindern und die Qualität der Patientenversorgung zu sichern?
Dr. Helmut Weinhart: Politisch ist zwingend notwendig, die geplante Budgetierung der ambulanten Operationen zurückzunehmen und die extrabudgetäre Vergütung beizubehalten. Außerdem müssen die versicherungsfremden Leistungen – also gesamtgesellschaftliche Aufgaben wie die Gesundheitsversorgung von ALG-II-Empfängern – endlich aus Steuermitteln und nicht aus den Beiträgen der GKV-Mitglieder finanziert werden. Nur so kann der künstliche Finanzdruck auf das System reduziert und die Qualität der Patientenversorgung langfristig gesichert werden. Wir fordern eine nachhaltige, bedarfsgerechte Finanzierung der ambulanten Versorgung und eine faire Lastenverteilung zwischen ambulantem und stationärem Sektor.
Frau Dr. Doepfer, wie erklären Sie Patienten, dass durch die geplanten Maßnahmen in Zukunft weniger Termine und längere Wartezeiten zu erwarten sind?
Dr. Anna-Katharina Doepfer: Ich erkläre meinen Patienten offen, dass die Politik mit dem neuen Gesetz die Zahl der bezahlten Behandlungen und Operationen begrenzt. Das bedeutet, dass wir nicht mehr alle Patienten so schnell und umfassend versorgen können wie bisher. Die Praxis kann weniger Termine anbieten, weil wir für viele Leistungen keine Vergütung mehr erhalten, sobald das Budget erschöpft ist. Das führt zwangsläufig zu längeren Wartezeiten und weniger verfügbaren Terminen – eine Entwicklung, die wir als Ärzte sehr bedauern, aber nicht verhindern können, solange diese Sparmaßnahmen bestehen bleiben.
Welche Auswirkungen haben längere Wartezeiten auf die Gesundheit und Lebensqualität der Patienten, insbesondere in der Orthopädie und Unfallchirurgie?
Dr. Anna-Katharina Doepfer: Längere Wartezeiten bedeuten für viele Patienten eine Verschlechterung ihrer Beschwerden und eine Verzögerung der Genesung. Gerade in der Orthopädie und Unfallchirurgie ist eine zeitnahe Behandlung oft entscheidend, um chronische Schmerzen, Bewegungseinschränkungen oder Folgeschäden zu vermeiden. Verzögerte Operationen oder Therapien können dazu führen, dass Patienten länger arbeitsunfähig sind, ihre Lebensqualität sinkt und in manchen Fällen sogar dauerhafte Schäden entstehen. Das widerspricht dem Grundsatz einer bedarfsgerechten und hochwertigen medizinischen Versorgung.
Wie können wir unsere Patienten aktiv in die Protestbewegung einbinden, um gemeinsam ein Zeichen gegen die geplanten Kürzungen zu setzen?
Dr. Anna-Katharina Doepfer: Wir setzen auf Transparenz und Aufklärung: In unseren Praxen informieren wir die Patienten mit Plakaten, Flyern und persönlichen Gesprächen über die drohenden Verschlechterungen. Besonders effektiv sind die Postkartenaktionen, bei denen Patienten direkt aus dem Wartezimmer heraus per Handy ihre Bundestagsabgeordneten kontaktieren können. So machen wir deutlich, dass nicht nur wir Ärzte, sondern auch die Patienten von den Kürzungen betroffen sind. Je mehr Patienten sich beteiligen, desto größer ist der politische Druck, die Sparmaßnahmen zu überdenken.
Herr Dr. Flechtenmacher, wie stark werden die geplanten Maßnahmen den Betrieb der orthopädischen und unfallchirurgischen Praxen beeinflussen, insbesondere in Bezug auf Investitionen und innovative Therapien?
Dr. Johannes Flechtenmacher: Die geplanten Maßnahmen schränken den finanziellen Spielraum der Praxen massiv ein. Durch die Honorarkürzungen und die Budgetierung bleibt weniger Geld für Investitionen in moderne Medizintechnik, Digitalisierung oder innovative Therapien und auch für eine gerechte Entlohnung der medizinischen Fachangestellten. Viele Praxen werden gezwungen sein, auf notwendige Anschaffungen zu verzichten oder Personal abzubauen. Das gefährdet nicht nur die Innovationskraft, sondern insbesondere die qualitativ hochwertige fachärztliche Versorgung vieler Patienten in Deutschland.
Welche Konsequenzen erwarten Sie für die Notfallversorgung in den Praxen? Wie stark könnte diese eingeschränkt werden?
Dr. Johannes Flechtenmacher: Die Notfallversorgung wird zwangsläufig leiden wenn die Ressourcen knapper werden, auch wenn echte lebensbedrohliche Notfälle im Fachgebiet Orthopädie und Unfallchirurgie eher selten sind. Aber ein akuter Bandscheibenvorfall, eine Gelenkverletzung oder auch ein entzündetes rheumatisches Gelenk erleben die Patienten als erheblich akute Einschränkung. Sollen diese Patienten nicht mehr zeitnah versorgt werden? Wenn das Budget für ambulante Operationen oder Behandlungen erschöpft ist, können auch dringende Fälle nicht mehr zeitnah versorgt werden. Das führt zu einer gefährlichen Rationierung, bei der selbst akute Patienten auf Wartelisten landen oder in die Klinik verwiesen werden müssen. Die wohnortnahe, schnelle Versorgung in der Praxis ist damit bedroht.
Wie schätzen Sie die langfristigen Auswirkungen der Sparmaßnahmen auf die gesamte ärztliche Versorgung in Deutschland ein?
Dr. Johannes Flechtenmacher: Langfristig droht eine massive Verschlechterung der ambulanten fachärztliche Versorgung in Deutschland. Wenn Praxen ihr Angebot einschränken, verschärft sich der Terminmangel, insbesondere im ländlichen Raum. Die Wartezeiten werden weiter steigen, die Versorgungslücken größer. Wollen das die Patienten tatsächlich? Um das zu verhindern, brauchen wir dringend eine nachhaltige Finanzierung und eine Politik, die die ambulante fachärztliche Versorgung stärkt statt schwächt.
Ich danke Ihnen für die Gespräche.
Das Interview führte Janosch Kuno.







